München nach Olympia 1972
Projekt zur historischen Erforschung der Ära der Oberbürgermeister Georg Kronawitter und Erich Kiesl 1972 bis 1993
Tagung „Planung, Protest, Partizipation. München nach Olympia 1972"
Planung, Protest, Partizipation. München nach Olympia 1972 – Stadtgeschichte im Vergleich
Veranstalter: Institut für Zeitgeschichte München–Berlin, Stadtarchiv München, Universität Augsburg
Ort: Institut für Zeitgeschichte, Leonrodstraße 46b, 80636 München, und Stadtarchiv München
Zeit: Dienstag, 13. Oktober, und Mittwoch, 14. Oktober 2026
Begrüßung und Einführung – Dienstag, 13. Oktober, 9:00 bis 9:30 (Direktion des IfZ; Julia Mertens und Marc Schmidt)
Sektion 1 (Institut für Zeitgeschichte) – Dienstag, 13. Oktober, 9:30 bis 12:30:
Stadtpolitik und Stadtplanung zwischen Industrie- und Postmoderne (Sektionsleitung: Marita Krauss)
- Marc Schmidt: München am Scheideweg der Verdichtung: Stadtplanung zwischen Freiflächenerhalt und Baulandausweisung
- Lukas Emrich: Vom Scherbenviertel zu Klein-Manhattan auf der Theresienhöhʼ. Wohnen und Stadtplanung als umkämpfte Praxis in Münchner Bestandsquartieren nach 1972
- Simone Egger: Am Ende der Utopie. Stadtentwicklung und das „Schwabylon“ als besonderer Fall der Raumplanung der 1970er und 1980er Jahre
- Gerhard Fürmetz: Neue Sicherheitsarchitektur in der Landeshauptstadt. Das Ende der kommunalen Polizeihoheit in München 1975 und die Folgen der Verstaatlichung
Sektion 2 (Institut für Zeitgeschichte) – Dienstag, 13. Oktober, 14:00 bis 17:00:
Neue Akteure, neue Herausforderungen und städtischer Raum nach dem Boom (Sektionsleitung: Felix Lieb)
- Patricia Zeitz: „Ausländische“ Arbeitnehmer in München. Kommunale Aushandlungsprozesse der Arbeitsmigration zwischen Restriktion und Integration
- Max Schellbach: Zwischen Integration und Marginalisierung. „Ausländische“ Jugendliche als neue Adressatengruppe der Münchner Jugendarbeit zwischen 1973 und 1990
- Nico Martin: Stadtentwicklung für oder durch Großereignisse? Festivalisierung von Stadtplanung – München als Beispiel
- Susanne Wanninger: „Ist Flugblattverteilen Hausfriedensbruch?“ Studierende in der Münchner Stadtgesellschaft
Keynote Lecture (Stadtarchiv, Rotunde) – Dienstag, 13. Oktober, 19:00 bis 21:00
Grußwort der Stadt München; Begrüßung: Daniel Baumann, Moderation: Philip Zölls
Martin Baumeister: Abschied vom Schlaraffenland mit Kir Royal. Westdeutsche Großstädte im Wandel von den 1970er bis in die frühen 1990er Jahre
Empfang im Anschluss
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Sektion 3 (Institut für Zeitgeschichte) – Mittwoch, 14. Oktober 2026, 9:00 bis 12:00:
Protest, Partizipation und politischer Aktivismus an den Rändern der Stadtgesellschaft (Sektionsleitung: Thomas Schlemmer)
- Julia Mertens: Wer gestaltet die Stadt? Partizipation, Prekarität und Politik in München
- Anna-Christina Berger: „Hamburg erhalten und für uns gestalten“. Bürgerbeteiligung als Wendepunkt der Stadtplanung nach 1968
- Bernhard Gotto: Aus dem Schatten? Frauenbewegung(en) und queere Menschen in München
- Karl Siebengartner: Stadt als Versuchsfeld. Punks, Polizei und Jugendarbeit in München und weiteren westdeutschen Großstädten in den 1980er und 1990er Jahren
Kommentar und Abschlussdiskussion (Institut für Zeitgeschichte, Kommentar und Moderation: Christian Rau) – Mittwoch, 14. Oktober 2026, 12:00 bis 13:00
Ausgangslage
1972 stand München im Licht der Weltöffentlichkeit – wegen der XX. olympischen Sommerspiele und wegen des tödlichen Anschlags einer Gruppe palästinensischer Terroristen auf die Olympiamannschaft Israels. Mehr als ein halbes Jahrhundert später ist diese Phase der Stadtgeschichte vergleichsweise gut aufgearbeitet, während die folgenden beiden Dekaden noch der Erforschung harren.
Wie andere (west-)deutsche Großstädte sah sich auch München nach langen Jahren stürmischen Wachstums mit krisenhafter Stagnation und politischen Umbrüchen konfrontiert, die Stadtverwaltung und Stadtgesellschaft vor neue Herausforderungen stellten. Die urbane Transformation nach dem Ende des „Wirtschaftswunders“ bis in die ersten Jahre der Berliner Republik steht im Zentrum des Interesses.
Das Projekt "München nach Olympia 1972"
Das Projekt fragt nach den Strukturen, Prozessen und Akteuren, welche die Politik in der Großstadt bestimmten, nimmt zentrale Politikfelder wie Stadtplanung- und Stadtentwicklung, Verkehr, Wohnen, Umwelt oder Migration in den Blick und richtet den Fokus auf neue Ansprüche und Formen der politischen Teilhabe der Bürgerschaft, auf soziale Gruppen an der prekären Peripherie der Stadtgesellschaft und auf die Auseinandersetzung um die Gestaltung und Nutzung des öffentlichen Raums. Dabei geht es um die Besonderheiten des untersuchten Zeitraums ebenso wie um die Vorgeschichte gegenwärtiger Problemlagen.
Das Projekt geht auf einen Stadtratsantrag von der SPD/Volt, Die Grünen/Rosa Liste und der CSU/Freie Wähler aus dem Jahr 2023 zurück und wird von der Landeshauptstadt München finanziert. Beteiligt sind das Stadtarchiv München, das Institut für Zeitgeschichte München–Berlin und die Universität Augsburg.
Seit 2025 arbeiten Julia Mertens (betreut von Thomas Schlemmer, Institut für Zeitgeschichte) und Marc Schmidt (betreut von Marita Krauss, Universität Augsburg) an ihren Dissertationen, die 2028 abgeschlossen sein sollen. Am 13./14. Oktober 2026 wird im Institut für Zeitgeschichte und im Stadtarchiv München eine Tagung mit dem Titel „Planung, Protest, Partizipation München nach Olympia 1972 – Stadtgeschichte im Vergleich“ stattfinden, um eine erste Bilanz zu ziehen.
Dissertationsvorhaben
Mit dem tragischen Ende der „heiteren Spiele“ von 1972 veränderte auch der diesem Großereignis vorangegangene Bau-Boom sein Gesicht. Deutlich wurden neue Herausforderungen an den Wohn- und Sozialraum der Landeshauptstadt. Der Sozialdemokrat Georg Kronawitter begann seine erste Amtszeit als Oberbürgermeister in eben diesem Jahr und stellte die Themen soziale Gerechtigkeit, bezahlbare Mieten und – erstaunlich früh – Umweltschutz in den Mittelpunkt seiner Politik. In den beiden folgenden Wahlperioden, sowohl mit der Wahl des CSU-Kandidaten Erich Kiesls 1978 als auch der Wiederwahl Kronawitters 1984, änderten sich die Herausforderungen und Ansprüche an die bayerische Metropole binnen weniger Jahre.
Für die Stadtstruktur bedeutete dies neben dem ab 1975 prägenden Stadtentwicklungsplan und einer immer weiter polyzentrisch ausgerichteten Planung auch große Umwälzungen im sozialen Gefüge der Stadt. Die Stadtverwaltung hatte neben planerischen Herausforderungen auch dem gesellschaftlichen Wandel zu begegnen. Eine immer diverse Stadtgesellschaft, sich weiter individualisierende Lebensentwürfe, aber auch neue soziale Bewegungen und Teilhabeforderungen sowie basisdemokratische Vorstellungen von Partizipation veränderten das Zusammenspiel aus Kommunalpolitik und Zivilgesellschaft. Als besonders brisant erwiesen sich die Schattenseiten von Wachstum und Verdichtung, die sich in überdurchschnittlich hohen Mieten und Wohnraumknappheit zeigten
Die veränderten Ansprüche an Wohn- und Stadtraum, aber auch an Infrastruktur und Kulturangebote hatten nicht zuletzt mit der wachsenden Migration und der Pluralisierung einer Stadtgesellschaft zu tun, die insbesondere an ihren Rändern immer weiter ausfranste. Die Folgen dieser Entwicklung bekamen vor allem marginalisierte Gruppen deutlich zu spüren, die sich jedoch nicht in ihr Schicksal fügen wollten, sondern politischer Teilhabe einforderten und die Stadt mitgestalten wollten. Wie Stadtpolitik und Stadtverwaltung auf diese Herausforderungen reagierten, welche Konzepte sie entwickelten und wie erfolgreich sie waren, ist eine zentrale Frage dieser Studie. Als Sonden dienen dabei die Kategorien Migration, Generation und Geschlecht. Ziel dieses intersektionalen Ansatzes ist es, marginalisierte Gruppen und ihre Forderungen zu identifizieren, prekäre Lebensbedingungen sichtbar zu machen und die – mehr oder weniger erfolgreichen – Problemlösungsstrategien der Münchner Stadtpolitik unter unterschiedlichen politischen Vorzeichen herauszuarbeiten. Damals wie heute war bezahlbarer Wohnraum ein beherrschendes Thema; darüber hinaus soll untersucht werden, wie sich Partizipations- und Autonomiebestrebungen manifestierten und wie ihnen die Stadtverwaltung begegnete – unter sozialdemokratischer Führung ebenso wie unter christlich-sozialer. In den Blick kommen dabei die Gründung des Münchner Ausländerbeirats und des Münchner Mietervereins, verschiedene Bürgerinitiativen oder Aktionsgruppen aus der Subkultur, aber auch andere Zusammenschlüsse, welche die Stimmen (marginalisierter) Gruppen bündeln und hörbar machen sollten.
Beruflicher Werdegang
- Seit Mai 2026: Doktorandin im Forschungsprojekt „München nach Olympia. Die bayerische Landeshauptstadt unter den Oberbürgermeistern Kronawitter und Kiesl, 1972-1993“
- 08/2023–05/2026: Team-Assistenz der Forschungsstelle "Aufarbeitung des Anschlags auf die israelische Olympia-Mannschaft vom 5. September 1972 während der Olympischen Spiele in München sowie seiner Vor- und Nachgeschichte"
- 2022/2023 Wissenschaftliche Volontärin in der Öffentlichkeitsarbeit der Bayerischen Schlösserverwaltung
- 03/2022 M.A. Kunstgeschichte (Universität zu Köln und Keio University Tokyo; Thema: „Architektur als Durchhalteparole im Nationalsozialismus. Die Planungen des Neuen Schauspielhauses und der Neuen Oper in München“)
- 2019-2021 Wissenschaftliche Hilfskraft am Lehrstuhl für Architekturgeschichte (Universität zu Köln); Studentische Hilfskraft am Haus der Architektur Köln
Mit dem Abflachen des Olympiabooms, den Folgen des Ölpreisschocks und der Krise im Bausektor vollzog sich in München ein grundlegender Wandel. Ausgehend von den Zielen des Stadtentwicklungsplans von 1975 trat an die Stelle des Wachstumsparadigmas die neue Leitidee Qualität vor Quantität. Das Stadtentwicklungsreferat musste bereits im ersten Jahr nach den Olympischen Spielen Lösungen für die Abwanderung der Bevölkerung aus der Kernstadt ins Umland finden. Dieser Entwicklung mit all ihren negativen Folgen galt es, mit einer im Stadtentwicklungsplan festgeschriebenen polyzentrischen Stadtstruktur und dem Ausbau von Zentren im inneren wie im äußeren Stadtgebiet entgegenzuwirken. Dadurch sollte die City entlastet und durch eine Verbesserung der Lebensqualität wieder als Wohnort attraktiv gemacht werden. Die Mieten sollten durch politische Steuerung auch unter den Bedingungen von Wachstumsschwäche, Bodenknappheit und Umwandlungsspekulation für breite Bevölkerungsschichten tragbar bleiben. Im Zentrum der Untersuchung steht also die urbane Transformation im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts, wobei insbesondere danach zu fragen ist, inwieweit die Prämissen und Instrumente des Stadtentwicklungsplans geeignet waren, um die Metropole im Gleichgewicht zu halten und die Lebensqualität zu steigern.
Der Stadtrat setzte auf Stadterneuerung, Modernisierung, die Möglichkeiten der Städtebauförderung sowie den Ausbau des öffentlichen Personennahverkehrs, um innerstädtische Quartiere zu stabilisieren und Verdrängungsprozesse zu begrenzen. Gleichzeitig gewann die Eigentumsförderung an Bedeutung, um Familien im Stadtgebiet zu halten. Ab Mitte der 1970er Jahre wurde auch der soziale Wohnungsneubau wieder zu einem zentralen Faktor, da der veraltete und knapp bemessene Wohnungsbestand weder der Zahl an Wohnungssuchenden mit geringem Einkommen noch den gestiegenen Bedürfnissen der Bevölkerung gerecht wurde. In den späten 1970er und frühen 1980er Jahren führte die von der CSU vorangetriebene verstärkte und möglichst kostengünstige Ausweisung von Bauland zu einer deutlichen Verdichtung, die in einem Spannungsverhältnis zur sozialdemokratischen Leitidee des Freiflächenerhalts stand.
Die zunehmende Verdichtung erwies sich als zentrale Herausforderung und Konfliktlinie der Stadtpolitik, da sie unumgänglich war, aber mit unterschiedlichen Zielsetzungen verknüpft blieb. Prägend für die seit den frühen 1970er Jahren verfolgte Entlastungsstrategie von Oberbürgermeister Kronawitter war schließlich der strategische Ausbau von Grünflächen im gesamten Stadtgebiet. Diese Grünräume sollten nicht nur der Freizeit dienen, sondern auch ein gesundes Stadtklima fördern, das erweiterte Zentrenkonzept stützen und die Wohnqualität insbesondere in schon verdichteten Quartieren erhöhen.
Anhand von Fallbeispielen wie der Stadtteilsanierung in Haidhausen lässt sich der Paradigmenwechsel nachvollziehen – weg von einer Wachstumsorientierung hin zu einer sozial ausgerichteten, qualitätsorientierten und ökologisch sensiblen Stadtentwicklung. Zugleich werden die Brüche sichtbar, die sich aus der Verdichtung städtischer Wohnräume und Infrastrukturen insbesondere im Münchner Norden ergaben.
- Seit November 2025 Doktorand im Foschungsprojekt "München nach Olympia 1972. Die bayerische Landeshauptstadt unter den Oberbürgermeistern Kronawitter und Kiesl, 1972-1993"
- 10/2021 - 10/2025 Historiker bei Neumann & Kamp Historische Projekte GbR München
- 10/2022 - 02/2025 Master Geschichte "Europäische Gesellschaften im Wandel (EGW)" an der Universität Regensburg
- 09/2018 - 11/2021 Bachelor Kultur und Wirtschaft an der Universität Mannheim, Hauptfach Geschichte, Nebenfach Volkswirtschaftslehre